Man hört das Rauschen der Isel, riecht frisch geschlagenes Holz, fühlt den rauen Stein unter den Fingern. Und plötzlich steht man mitten in einem Kunstwerk – oder besser: in einem Ort, an dem Kunst passiert. Nicht hinter Glas und Absperrung, sondern unter freiem Himmel, in Bewegung, im Dialog mit der Landschaft.
Beitrag anhören (KI-generiert)
Was hier in Virgen entstanden ist, ist kein Museum. Es ist ein offener Raum, in dem gearbeitet, geformt, gemeißelt wird – ein Ort, an dem man der Kunst beim Werden zusehen kann. Wo einst ein Sägewerk stand, schlagen heute Steinbildhauer ihre Spuren in Serpentin und Marmor. 2016 wurde das verlassene Areal zur Heimat für die Bildhauerei. Der Virger Künstler Michael Lang war der Motor hinter der Idee. Die Gemeinde stellte das Gelände bereit, Förderstellen gaben Rückenwind – und die Künstler kamen.
Im Sommer verwandelt sich die Tratte am alten Sägewerk in eine lebendige Werkstatt. Beim Symposium „SkulpTour“ hört man das Schlagen von Eisen auf Stein, sieht Staub in der Luft tanzen, spürt die Konzentration derer, die Form aus Masse holen. Wer vorbeigeht, darf stehen bleiben, zuschauen, Fragen stellen. Kunst ist hier kein abgeschlossenes Produkt – sie ist Prozess, Begegnung, Einladung.
Formen, die in die Landschaft wachsen
Vom Werkplatz führt ein Pfad durch den Skulpturenpark, der jährlich wächst. Die Künstler:innen wählen den Standort ihrer Skulptur selbst – nicht nach Zufall, sondern im bewussten Dialog mit Licht, Raum, Gelände und Natur. Manche Werke ducken sich in die Landschaft, andere treten in den Vordergrund, fordern Aufmerksamkeit. Jede Skulptur reagiert auf ihren Ort: auf das Spiel der Schatten, die Strömung der Isel, den Wind in den Bäumen, den Himmel über Virgen. Es ist, als würde die Natur selbst mitmeißeln.
Das Besondere: Die Künstler schenken der Gemeinde ein Werk – kein Geld fließt, sondern etwas Bleibendes entsteht. Und so wächst hier, Jahr für Jahr, ein kollektives Gedächtnis in Stein. Kein Fremdkörper im Tal, sondern Ausdruck einer Kultur, die offen ist, wach, verwurzelt. Immer wieder wird die Werkstatt auch Bühne für Lesungen, Konzerte oder Feste. Dann mischen sich Klang, Sprache und Gespräch unter die Formen. Kunst trifft Leben – ohne Schwellenangst.
Der Skulpturenpark Virgen ist mehr als ein schönes Ziel für einen Spaziergang. Er ist ein stilles Manifest: dafür, dass Kunst nicht elitär sein muss, sondern mitten im Leben stehen kann. Dass sie sich einfügt – und trotzdem etwas aufrüttelt. Und dass ein kleines Tal in Osttirol nicht nur Naturraum, sondern auch Kulturraum sein kann. Offen. Echt. Und voller Überraschungen.
Ausgangspunkt für die Wanderung in den Skulpturenpark ist die Steinbildhauerwerkstatt, Trattenweg 21, 9972 Virgen








