Wer im Kalsertal wandert, sieht viel – majestätische Gipfel, grüne Matten, weite Blicke. Doch gleich neben dem Weg, zwischen Unterburg und Großdorf, steht etwas, das gerne übersehen wird: die Filialkirche St. Georg. Klein, zurückhaltend, fast unscheinbar. Doch wer sich ihr nähert, tritt in einen Raum ein, der älter ist, als man denkt – und vielschichtiger, als man erwarten würde.
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Die Kirche entspricht dem Typus einer romanischen Landkirche um 1200 – schlicht, massiv, geerdet. Ihre erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1366, als Bischof Heinrich von Lavant einen Altar weihte. Der gotische Turm wurde im 15. Jahrhundert errichtet, Umbauten und Ergänzungen sind für 1621 und 1736 belegt. Damals wurden wohl auch der Spitzbogen der Apsis erhöht und ein Dreiecksgiebel aufgemauert.
Doch was in den 1960er- und 1990er-Jahren unter dem Fußboden zutage kam, war überraschend: Archäologische Grabungen förderten Spuren eines römischen und frühmittelalterlichen Siedlungsplatzes zutage, dazu Keramik, Knochen und Werkzeuge aus noch früherer Zeit. Mindestens zwei Bauphasen vor dem heutigen Kirchenbau lassen sich im Mauerwerk ablesen – das genaue Entstehungsdatum bleibt ein Rätsel. Sicher ist: Hier wurde schon lange vor der Kirche gelebt und geglaubt.
Putz aus Dolomit, Farbe aus der Tiefe
Auch das Innenleben der Kirche erzählt Geschichte: In den 1960er-Jahren wurden historistische Übermalungen entfernt und darunter romanische Wandmalereien freigelegt – einfache, klare Darstellungen, ausgeführt auf regionaltypischem Dolomitputz, hergestellt aus Kalk und Dolomitstaub. Diese Technik, in der Region verankert, verleiht den Fresken ihre matte Tiefe und fast erdige Ausstrahlung.
In den 1990er-Jahren wurden weitere Sanierungen durchgeführt: Die Kirchenfassade wurde erneuert, der Originalputz am Turm konserviert. Zwei Glocken schwingen heute noch im massiven Turm – eine davon stammt aus dem 15. Jahrhundert, die zweite von 1768.
Nicht nur Drachentöter
Der barocke Hochaltar entstand in den 1680er-Jahren. Seine gedrehten Säulen, umwunden von zarten Blattranken, rahmen das zentrale Altarbild: den heiligen Georg mit der heiligen Margareta. Ursprünglich war Georg der Patron der Bauern, Waffenschmiede und Schützen – dargestellt als ruhiger Heiliger. Erst die Kreuzzüge machten ihn zum geharnischten Ritter, der dramatisch gegen das Böse kämpft.
Zwei vergoldete Wandschränke aus dem späten 17. Jahrhundert ersetzen Seitenaltäre. Sie bergen geschnitzte Figuren des Herz Jesu und Herz Mariae. Ein wertvolles Georgsrelief von Franz Groder (um 1880) zeigt den Drachentöter in bewegter Formensprache.
Weitere Ausstattungsstücke zeugen von der langen Nutzung der Kirche: ein Tafelbild mit der Kreuzigungsszene und Maria Magdalena (Ende 17. Jh.), das ehemalige Hochaltarblatt der Pfarrkirche mit der Himmelfahrt des heiligen Rupert (1844) und ein Gemäldepaar zum Herz-Jesu- und Herz-Mariae-Kult aus dem späten 18. Jahrhundert.
Ein Ort, der leise spricht
Zur Zeit der Josephinischen Reformen wurde St. Georg zeitweise geschlossen – doch 1794 wieder geöffnet. Seither überstand sie Jahrhunderte und Zeitenwenden. Heute steht sie da wie eh und je. Wer eintritt, spürt sie: die Ruhe, die Dichte, die lange Zeit, die hier wohnt. Kein Prunk, kein Lärm. Nur das Spiel des Lichts auf alten Steinen, das Echo von Füßen auf Holzbohlen, der Blick auf eine Wand, die mehr gesehen hat als wir je wissen werden.
Foto: Siddharthya / Wikimedia Commons, CC BY‑SA 3.0 at
Die Filialkirche St. Georg. hat keine standardisierten Besuchszeiten. In der Regel ist die Kirche nicht dauerhaft geöffnet.
Für aktuelle Informationen oder zur Vereinbarung eines Besuchstermins empfiehlt sich der Kontakt mit der Pfarrkanzlei St. Rupert in Kals. Diese ist erreichbar unter +43 664 137 40 49 oder per E‑Mail an Pfarre.Kals@dibk.at.
Auch die Tourismusinformation Kals am Großglockner (Tel. +43 50 212 540, E‑Mail kals@osttirol.com) gibt Auskunft über mögliche Besuchszeiten oder öffnet den Zugang im Rahmen von Führungen.
Eintritt frei
