Etwas versteckt im Garten des ehemaligen Siechenhauses in der Kärntner Straße 39 in Lienz steht ein ganz besonderes Kulturdokument Tirols: der Bildstock beim Siechenhaus, ein spätmittelalterlicher Tabernakelpfeiler von kunsthistorisch herausragender Bedeutung.
Beitrag anhören (KI-generiert)
Er zählt zu den ältesten bemalten Bildstöcken in ganz Tirol und stellt damit ein einzigartiges Beispiel für die religiöse Bildsprache des ausgehenden 14. und beginnenden 15. Jahrhunderts dar.
Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Bildstock im Jahr 1390. Errichtet wurde er vermutlich im direkten Zusammenhang mit dem Siechenhaus, das bereits 1334 gegründet worden war, um Leprakranke und andere ansteckend Erkrankte aufzunehmen. In dieser Zeit, als Krankheiten häufig als Strafe Gottes verstanden wurden, war der Bildstock nicht nur Ausdruck religiöser Hoffnung, sondern hatte auch eine seelsorgerische Funktion – er sollte den leidenden Menschen Trost und geistlichen Schutz spenden.
Kunsthistorische Besonderheiten
Der Bildstock selbst ist ein klassischer Rundpfeiler mit einem gedrungenen, tabernakelartigen Aufsatz, der vier gemalte Bildnischen trägt. Gekrönt wird das Ganze von einem weit ausladenden Pyramidendach, das mit Schindeln gedeckt ist – eine typische Bauweise des alpenländischen Raums. Zurzeit ist der Bildstock mit einem Holzgerüst eingefriedet.
Jede der vier Seiten zeigt eine ikonographisch bedeutende Szene. Auf der Westseite befindet sich eine Kreuzigungsdarstellung mit Maria, Johannes sowie Sonne und Mond, die auf Christus als Herrscher über Zeit und Kosmos verweisen. Die Südseite zeigt die Anbetung der Heiligen Drei Könige, ein Symbol für die weltweite Anerkennung Christi. Auf der Nordseite finden sich vier Heilige – unter ihnen Nikolaus, Dorothea, Katharina und ein nicht näher identifizierter Bischof – die teils als Schutzheilige, teils als lokale Patronate Bedeutung besaßen. Die Ostseite schließlich zeigt den Heiligen Christophorus, den traditionellen Schutzheiligen der Reisenden.
Die Malereien, die sich durch farbige Klarheit und religiöse Symbolkraft auszeichnen, sind in marmorierte Rahmenbänder eingefasst – ein dekoratives Element, das auf italienische Einflüsse hinweist. Stilistisch lassen sich die Fresken der Spätgotik zuordnen. Die Figuren wirken noch statisch und formal, doch in der Mimik und Gestik zeigen sich bereits emotionale Nuancen, wie sie für die religiöse Kunst der Zeit typisch sind. Die Kompositionen folgen einer klaren Bildordnung: zentrale Christusfigur, flankierende Heilige, dazu eine ruhige, flächige Farbgebung – alles darauf ausgerichtet, die Inhalte verständlich und würdevoll zu vermitteln.
Im Unterschied zu den häufig plastisch gearbeiteten Bildstöcken der Folgezeit setzt dieses frühe Exemplar konsequent auf die Malerei als Ausdrucksform. Dies zeugt nicht nur von einer hohen malerischen Qualität, sondern auch von einer tiefen Durchdringung religiöser Inhalte im Alltag.
Im Dornröschenschlaf
Trotz seiner Bedeutung ist der Bildstock lange Zeit beinahe in Vergessenheit geraten. Eingewachsen in einer Gartenanlage und mit Holzbrettern eingefriedet, wurde er erst in jüngerer Zeit wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Heute steht er – ebenso wie das Siechenhaus selbst – unter Denkmalschutz. Der Erhaltungszustand ist unterschiedlich: Während die oberen Bildbereiche noch gut lesbar sind, zeigen sich in den unteren Zonen starke Witterungsschäden. Restaurierungsmaßnahmen sind geplant, um dieses kostbare Kulturerbe zu sichern.
Der Bildstock beim Siechenhaus ist weit mehr als ein Relikt vergangener Zeiten. Er ist ein Fenster in eine Welt, in der Glaube, Krankheit und Kunst untrennbar miteinander verbunden waren.
Das Grundstück ist zurzeit eine Baustelle. Bevor unter Einbeziehung des Denkmalamtes überhaupt eine Sanierung möglich ist, müssen viele Auflagen erfüllt werden.









