Wenn man dem Stallertal in Innervillgraten bis ans Ende folgt, öffnet sich plötzlich ein Bild wie aus einem alten Tiroler Kalender: Die Oberstalleralm. Auf 1.883 Metern Seehöhe liegt sie da – ruhig, fast ehrfürchtig – eingebettet in weite Almwiesen, eingerahmt von den Kämmen und Gipfeln der Villgrater Berge. Ein Ort, an dem das Leben leiser wird.
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Seit dem Mittelalter ziehen im Sommer Bauern mit ihrem Vieh hierher. Im Rhythmus der Natur wurde gemolken, gehütet – und gehofft, dass der Sommer gnädig bleibt.
16 dunkle Holzgebäude stehen dicht beisammen, sorgfältig ausgerichtet, als wären sie mit dem Lineal an den Hang gezeichnet. Es sind Blockbauten aus massivem Holz, mit dem First stets zum Tal hin, zweigeschossig, mit schindelgedecktem Satteldach und Söller, einem überdachten Holzbalkon. Die untere Etage der Häuser war für das Vieh, die obere für die Senner – zwei Welten in einem Haus. Heute sind es größtenteils spartanisch eingerichtete Ferienhütten, die bewusst auf Luxus verzichten – und gerade deshalb so viel geben.
Die meisten Hütten stammen aus dem 19. Jahrhundert, wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts teilweise erneuert. Drei davon entstanden erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts – aber nach altem Vorbild, aus Respekt vor der gewachsenen Form.
In der Mitte der Siedlung erhebt sich die kleine, weiß getünchte Schutzengelkapelle. Zwischen 1954 und 1956 erbaut, zeigt sie sich als einjochiger Mauerbau mit einer zarten Rundapsis, bedeckt von einem Schindeldach, darüber ein vorspringender Dachreiter, gekrönt von Kugel und Kreuz – schlicht, aber voller Ausdruck. Das Rundbogenportal in der Giebelfassade wird von drei kleinen Fenstern flankiert, die Längswände durchbrechen runde Lichtöffnungen. Im Inneren: weiß getünchte Wände, ein schlichter Altar, darüber das ovale Schutzengelbild – ein Werk des Lienzer Franziskanerpaters Raimund Gastl, der die Kapelle entwarf.

Heute führt eine schmale Straße hinauf zur Alm. Die Oberstalleralm steht unter Denkmalschutz – nicht, um sie einzufrieren, sondern um das zu bewahren, was sie wirklich ist: ein lebendiges Zeugnis alpiner Lebenskunst. Hier oben lebt die Vergangenheit nicht hinter Glas, sondern im knarrenden Holz, im Wind, der durch die Dachschindeln streicht, im Licht, das durch die Fenster fällt.
Wer diesen Ort besucht, betritt keinen Erinnerungsort, sondern eine Welt, in der der Sommer noch nach Arbeit, Glaube und Freiheit riecht – und das Einfache wieder Bedeutung hat.
Fotos: edifilm75




